Stadtbaustein mit Esprit   | Garten + Landschaft, 11/2003

Am Marienplatz in Görlitz stoßen Artefakte unterschiedlicher Bauepochen zusammen.
Herzstück des neu gestalteten Platzes ist ein Wasserbecken


Die heute beschaulich wirkende Stadt Görlitz hat wirtschaftlich gesehen schon wesentlich bessere Zeiten erlebt. Der Handel mit Tuchen ließ die Ansiedlung am Steilufer der Neiße im 15. Jahrhundert schnell wachsen. Wichtige Handelswege nach Schlesien kreuzten damals die Stadt. Es entstanden prachtvolle Bürgerhäuser im Renaissancestil. Am Unter- und Obermarkt erstrahlen heute diese wertvollen Bauten wieder in altem Glanz. Seit der Bewerbung für die Ausrichtung der Kulturstadt im Jahr 2010 stehen Themen wie Stadtsanierung und Denkmalpflege bei den Görlitzer Stadtverantwortlichen und Bewohnern hoch im Kurs. Mit dem polnischen Nachbarn Zgorzelec, nur einen Steinwurf entfernt auf der anderen Uferseite der Neiße, probt man schon seit Jahren die europäische Annäherung. Bildungsarbeit und Tourismus haben die Grenzen der geteilten Stadt längst überwunden.

Die Ursprünge der Doppel-Stadt liegen auf Görlitzer Seite und sind heute noch durch die in Größe und Gestalt erhaltenen mittelalterlichen Stadtplätze mit ihren so typischen Hallenhäusern erlebbar. Um sie herum legt sich die ehemalige Wallanlage, die nach hergebrachtem Muster als Grüngürtel den geschliffenen Festungsbereich markiert. Daran schließen die Stadterweiterungen an. Die einstmals prosperierenden Gründerzeitviertel, die sich bis zum Bahnhof im Süden der Stadt erstrecken, bieten heute allerdings einen eher tristen Anblick.

Der Marienplatz bildet einen spürbaren Schnittpunkt zwischen der gründerzeitlichen Erweiterung und dem historischen Zentrum. Hier prallen verschiedene Bauepochen aufeinander. Der Frauenturm - von den Görlitzern auch "Dicker Turm" genannt, ist ein Überbleibsel der Festungswerke. Umstanden wird der Platz von mächtigen Bürgerhäusern der Jahrhundertwende. Das Areal schließt nach Süden mit dem imposanten Bau des 1912/13 in der Formensprache des Berliner Kaufhauses Wertheim erbauten Gebäudes ab. Mit dem riesigen inneren Lichthof zieht es nach wie vor Kaufbegeisterte und Architekturinteressierte gleichermaßen an. Auf dem Marienplatz wurde um 1900 ein Löschteich errichtet, der den Großteil der Fläche einnahm. Der Platz fristete sein Dasein in den zurückliegenden Jahren als umzäunte Brache.

Der Dresdner Landschaftsarchitekt Till Rehwaldt wurde mit seinem Team nach einem Wettbewerb im Jahre 2000 unter drei geladenen Büros mit der Neuanlage des Marienplatzes beauftragt. Das Entwurfsteam schlug eine Gestaltung vor, die auf die baulichen Zeitschichten eingeht, sie miteinander verbindet und gleichzeitig die Modernität des neuen Stadtbausteines hervorhebt. Drei Bereiche gliedern heute die Fläche. Während der freistehende Turm im Norden Anziehungskraft ausübt, wirkt die zurückhaltende Granitoberfläche des Belages beruhigend funktional. Der Einsatz der rechteckigen Werksteine hat sich, gleichwohl banal, hier wie andernorts bewährt. Ein Baumdach, gebildet aus einer Doppelreihe geschnittene Linden, trennt den schattigen und ruhigen Platz vom geschäftige Treiben der naheliegenden Shopping-Zone. Spielerisch verteilt, bieten zahlreiche Bänke an den Rändern die Möglichkeit zum Sitzen. Witziges Detail der von zwei Seiten benutzbaren Möblierung - die Rückenlehnen sind kippbar, so dass man je nach Gusto auf den Platz oder die Straße blicken kann. Das schicke Sitzmöbel, das vom Büro Rehwaldt schon zur Zittauer Landesgartenschau mit Betonsockel präsentiert wurde, zeigt sich in Görlitz in abgewandelter Form mit einer dunkel gestrichenen Stahlkonstruktion. Die Sitz- und Lehnflächen sind mit Holz belegt.

Von dieser Position aus lässt sich das Herzstück des Platzes beobachten: das schmale Wasserbecken. Es durchschneidet die Freifläche und erinnert an den historischen Stadtgraben, der die Bewohner einst vor ungeliebten Eindringlingen schützte. Heute macht es allen Passanten - egal welchen Alters - Spaß, die Füße in das kühle Nass zu tauchen. Die Granitquader, die wie Felsen in einem Bach liegen, verführen einige zum akrobatischen Überqueren des Wasserlaufes. Andere erfreuen sich einfach nur an den sprudelnden Fontänen, deren Wasserstrahlen die riesigen Lausitzer Granitsteine glänzend dunkel färben. Ein Wermutstropfen: Die Fontänen sprudeln im Sparmodus. Zwei Programme, die ursprünglich parallel zum Einsatz kommen sollten, werden nun nacheinander abgespielt.

Die bereits im Jahr 2002 fertiggestellte Platzgestaltung, gefördert durch die Allianz Umweltstiftung, erhielt neben dem breiten Zuspruch in der Bevölkerung auch fachliche Anerkennung. Für die gelungene Gesamtkonzeption des Marienplatzes in Görlitz nahmen Vertreter der Stadtverwaltung zusammen mit dem Landschaftsarchitekten Till Rehwaldt die im Rahmen der Internationalen Gartenbau-Ausstellung (IGA) in Rostock vergebene Würdigung des Deutschen Landschaftsarchitektur-Preises 2003 entgegen.

Daten

Fläche: ca.0,5 ha
Bausumme: ca. 0,8 Mio. €
Bauherr: Stadtverwaltung Görlitz
Wettbewerb: 2000
Fertigstellung: 2002
Förderung: Allianz-Stiftung, München